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75 Jahre Schriftreform in der Türkei
November 2003

Vor 75 Jahren wurde mit Gesetz vom 3. November 1928 das neue türkische Alphabet (yeni türk alfabesi), welches auf dem lateinischen Alphabet beruht, eingeführt. Diese Schriftreform – und mit ihr verbunden die Sprachreform - gehört zu den kulturrevolutionären Leistungen der jungen türkischen Republik unter Mustafa Kemal Atatürk. Diese Reformen erschöpften sich nicht darin, lediglich eine andere, neue Schreibung vorzusehen.

Bis zu diesem Zeitpunkt nämlich war Jahrhunderte lang das Buchstabensystem des Arabischen in einer durch die Perser etwas bereicherten Form verwendet worden. Freilich hatte infolge des wesentlich anderen Lautstandes des Arabischen gegenüber dem Türkischen dieses System vom Anbeginn der Übernahme an schlecht gepasst und zu zahlreichen Unklarheiten und großen Schwierigkeiten für Lesende wie Schreibende geführt.

Zu bedenken ist dabei zudem, das die offizielle Schrift- und Verkehrssprache der Vor – Atatürk Zeit, die osmanische Sprache, nicht einfach eine frühere Entwicklungsstufe des heutigen Türkisch ist – wie etwa Mittelhochdeutsch für die deutsche Gegenwartssprache. Das Osmanische war nicht die gesprochene Sprache der türkischen Völker; vielmehr war es die Sprache der geistig führenden Schichten, die Sprache der Gebildeten, Gelehrten und hohen Beamten. Das Osmanische wurde mit den Buchstaben des türkisch – arabischen Alphabets geschrieben und unterschied sich sowohl von der damaligen türkischen Volksprache als auch vom heutigen Türkisch durch die bewusst gepflegte Durchsetzung der Sprache mit arabischen und persischen Elementen.

Schon für die osmanische Verkehrssprache muss man nach den Erkenntnissen der Sprachforschung einen Anteil von ca. 50 % arabischen und ca. 25 % persischen Sprachguts annehmen. Das ist bei weiten mehr als sonst in Sprachen fremde Bestandteile integriert wurden oder werden und erklärt sich nur aus der bewussten Pflege und Förderung dieser fremdsprachigen Elemente. – Noch drastischer war die Sprache der hohen Poesie und der amtlichen, höfischen Schriftstücke (fasih), das sog. „ Hochtürkisch“, von der Alltagssprache des Volkes unterschieden. Damals wie heute ist ein Verständnis des sog. „Hochtürkisch“ ohne eingehende Kenntnis der arabischen und persischen Sprache und Grammatik überhaupt nicht möglich. Die osmanische Sprache insgesamt blieb dem Volk verschlossen, unverständlich: Die Osmanische Verkehrssprache, die Rechts- und Verwaltungssprache des Hofes, die Sprache der höfischen Poesie erst recht war nur wenigen Menschen geläufig, sie war eine Herrschaftssprache mit hoher sozialer Exklusivität.

Diese Exklusivität bezog sich sowohl auf die Sprache und ihre Strukturen wie auch auf die Schreibung. Zur schriftlichen Fixierung verwandte das Osmanische das arabische Alphabet mit 31 Buchstaben, fast ausschließlich Konsonanten. Für die Vokale wurden Hilfszeichen über bzw. unter den Konsonanten benutzt. Diese Schreibweise litt an außerordentlichen Mängeln, und es bedurfte zur Beherrschung der jeweils gültigen Regeln mit ihren Ausnahmen und Sonderfällen vieljähriger Übung. - Das lag im wesentlichen am Nichtpassen der arabischen Schrift zum türkischen Lautstand: Konsonanten waren und sind im Arabischen in erheblich mehr Schattierungen vertreten als im Türkischen; Vokale hingegen – allerdings nicht nach kurzer oder langer Aussprache unterschieden – gibt es im Türkischen mehr als in der arabischen Sprache. Außerdem haben im Türkischen die Vokale für den semantischen Wert eines Wortes, für dessen Verständnis eine besondere Bedeutung. Jedem, der Türkisch lernt, begegnet spätestens in der 2. Lektion z.B. die Vokalharmonie als wesentliches Element der Wortbildung.

Trotz aller Versuche, im 19. Jhdt. eine moderne (arabische) Orthographie zu entwickeln, blieb es bis 1928 dabei, dass man, um einen türkisch-osmanischen Text lesen zu können, die Sprache gut beherrschen und beim Lernen aller Wörter sich gleichzeitig das Schriftbild einprägen und beim Lesen wiedererkennen musste. – Insofern stellte die Atatürkische Schriftreform nicht nur einen Akt der Nationalisierung der Sprache sondern auch einen Akt der Demokratisierung dar. Nur mit dieser Schriftreform, die gleichzeitig den Anstoß zu einer umfassenden Sprachreform gab, war das hohe politische Ziel, das türkische Volk zu alphabetisieren, die Menschen lesen und schreiben lernen zu lassen, überhaupt möglich.

Insofern war die Schriftreform nicht nur eine reine Frage der Praktikabilität. Sie wurde damals gegen heftige Widerstände durchgesetzt und gehört bis heute zu den wesentlichen Grundlagen der modernen Türkei – auch wenn das vielen Menschen aus dem In- und Ausland gegenwärtig nicht mehr bewusst sein sollte. Die Schrift- und Sprachreform war eine wesentliche Voraussetzung für soziale Entwicklung und die Demokratisierung der Gesellschaft, für Teilhabe des Volkes an Bildung und Mitsprache.

 


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