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Türkisch als Unterrichtssprache? - Zur weiteren Entwicklung unserer Schule
Georg Michael Schopp   
Februar 2005
Anadolu Liseslerinde Türkçe’ye dönülüyor!

Kehrt man wirklich an allen Anadolu Lise zum Türkischen als Unterrichtssprache zurück?

Ende Dezember 2004 eröffneten alle namhaften Blätter der Republik ihren Lesern, dass nun an den Anadolu Lise zu Türkisch als Unterrichtssprache generell wieder zurückgekehrt werden solle. Dies enthalte eine neue Verordnung des Erziehungsministeriums (veröffentlicht im Staats Anzeiger); nur unter bestimmten Bedingungen - z.B. wenn mindestens 12 Schüler einer Klasse dies forderten – könne der fremdsprachige Unterricht in Mathematik und den FEN-Fächern fortgesetzt werden. Diese Meldung führte bei einigen unserer Eltern sofort zu der (besorgten) Anfrage, ob damit etwa der deutschsprachige Unterricht am Istanbul Lisesi auch gefährdet sei.

Um es vorweg zu nehmen: Ich halte aus dieser Richtung eine Gefährdung des Modells Istanbul Lisesi nicht für möglich. Unsere Schule und ihre besondere Kooperation verdankt sich staatlichen Abkommen zwischen der Türkischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland, die beide mit dem Kulturabkommen von 1957 die alte Tradition des deutschsprachigen Unterrichts am damaligen Istanbul Sultanisi ab 1914 wieder aufgenommen haben. – Dennoch muss festgehalten werden: Auch dieses wichtige Zeichen deutsch-türkischer Freundschaft bleibt nur so lange bestehen, wie beide Vertragsparteien das wollen. Es steht der Türkischen Republik z.B. das Recht zu, das bilinguale Schulprogramm zu ändern oder das Schulziel im Blick auf die deutschen Abschlüsse Abitur und Sprachdiplom. Es steht ebenso der Bundesrepublik das Recht zu, bestimmte Regelungen für die Vergabe der deutschen Abschlüsse zu ändern oder auch Lehrkräfte nach Istanbul zu entsenden, bzw. nicht zu entsenden.

Sobald sich beide Seiten über Zukunftsorientierte Änderungen einigen, ist das ein Zeichen für einen notwendigen Entwicklungsprozess, wie er zwischen Staaten und auch in Schulen notwendig ist. Grundsätzliche, einseitige Änderungen bergen freilich immer die Gefahr des Scheiterns für das gesamte Projekt. Aber um es zu wiederholen. Von einer solchen Gefährdung staatlicherseits kann gegenwärtig nicht die Rede sein! Das wäre im Zeichen der der von beiden Seiten gewünschten Annäherung von EU und Türkei auch kaum vorstellbar.

Für einen dauerhaften Erfolg unserer besonderen Schule ist allerdings nicht nur staatliches Wohlwollen aus Berlin und Ankara notwendig. Der Erfolg oder Misserfolg unseres Modells entscheidet sich im Schulalltag. Und der wird hier, in Istanbul erlebt und erarbeitet. Für unseren Alltag, unser Schulleben wünsche ich mir tatsächlich eine deutlichere Akzeptanz, eine Betonung unserer Eigenheiten von allen am Schulleben Beteiligten. Und diese Besonderheiten dürfen nicht etwa versteckt werden. Sie müssen gemeinsam außerhalb und innerhalb der Schule vertreten werden. - Dazu werde ich im Folgenden einige Gedanken formulieren:

  1. Das Istanbul Lisesi ist gleichzeitig eine der bedeutendsten Schulen der Türkischen Republik und eine der größten und weltweit anerkanntesten Deutschen Auslandsschulen. Hier in Istanbul ist unsere Schule eins von drei deutschsprachigen Gymnasie und konkurriert mit den besten der großen privaten und staatlichen Schulen der Metropole. Wenn wir deutlicher den Charakter unserer Schule herausstellen würden, nämlich deutschsprachiges, bilinguales Gymnasium zu sein, wird es uns noch besser gelingen, interessierte Familien anzusprechen. Durch die erfolgreiche Vergabe des türkischen Lise-Diploms wie des deutschen Abitur-Zeugnisses wird der internationale Charakter, der internationale Anspruch unserer Schule unterstrichen. Diese Internationalität ist ein ganz zentrales Argument für Kinder und Jugendliche, unsere Schule zu besuchen – aber auch dafür, die Unterstützung beider Staaten aufrecht zu erhalten.

  2. Der internationale Charakter bedeutet keineswegs eine Vernachlässigung oder gar Missachtung des Unterrichts in der Muttersprache und den sog. Türkischen Kulturfächern. Im Gegenteil: in gemeinsamen Anstrengungen müssen wir darauf achten, dass unsere Schülerinnen und Schüler die Schule mit sicheren und guten Kenntnissen der Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat verlassen.Dass sie sich in ihrer Muttersprache zu allen Fragen, die Gesellschaft und Wissenschaft jetzt und zukünftig aufwerfen werden, äußern können. Nur so werden sie in der Lage sein, Botschafter ihres Landes, aber auch Botschafter der türkisch-deutschen Freundschaft zu sein.

  3. Die meisten Schülerinnen und Schüler besuchen unsere Schule, weil sie, ein hervorragendes mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium absolvieren wollen. Hier liegt ein weiterer Schwerpunkt unserer schulischen Arbeit. Leistungsfähige und –willige Jugendliche brauchen zum Erfolg freilich nicht nur ebensolche Lehrer; beide benötigen eine sehr gute materielle Ausstattung, moderne Arbeitsräume und Labors, Computer und Internet-Anschlüsse in jedem Klassenzimmer. Auf diesen Feldern sind wir leider sehr weit vom internationalen Standard entfernt. In energischen, gemeinsamen Anstrengungen müssen wir Unterstützung, Sponsoren bei ehemaligen Schülern wie in der Wirtschaft finden. (Schließlich profitieren die ansässigen, international agierenden Wirtschaftsunternehmen am meisten von einer erfolgreichen Ausbildung ihrer künftigen Mitarbeiter in unserer Schule.) Bei unseren Planungen dürfen wir uns nicht am nationalen Mittelmaß orientieren – natürlich sind wir besser ausgestattet als die meisten Schulen in der Türkei. Wir müssen auch hier unseren internationalen Ansprüchen genügen. Zu diesem Aufgabenfeld muss m.E. freilich auch einmal eine offene schulinterne Auseinandersetzung zum Thema ÖSS stattfinden, eine Bestandsaufnahme, ein Blick auf Geschichte, Gegenwart und evtl. Zukunft dieser Prüfung, die für viele unserer Schüler eine große Bedeutung hat. Um nur eine Frage aufzuwerfen: Wie sollen wir damit umgehen, dass in der ÖSS Stoff abgefragt wird, der nicht den in den Lehrplänen vorgeschriebenen Inhalten für die letzten Jahrgangsstufen entspricht? – Ziel muss bei allem Planen und Diskutieren allerdings sein und bleiben: Die sehr hohe Qualität des Unterrichts in Mathematik und den Naturwissenschaften aufrechterhalten, verbessern.

  4. Der internationale Charakter unserer Schule wird am ehesten sinnfällig im starken Anteil der Fremdsprachen in der schulischen Arbeit: Deutsch ist in unserer bilingualen Schule Unterrichtssprache in mehr als 60% aller Stunden. Gleichzeitig wird großer Wert auf die Vermittlung der Weltsprache Englisch gelegt. Unsere Schüler verlassen das Istanbul Lisesi mit guten und sehr Kenntnissen in zwei großen europäischen, bzw. weltweit anerkannten Fremdsprachen. Schon auf der Schulbank lernen sie international und mehrsprachig zu kommunizieren, sich zu verständigen. Schüleraustausch, Veranstaltungen in deutscher oder englischer Sprache, Theater. Internationale Sportbegegnungen – z.T. von den Schülern selbst organisiert! – tragen dazu bei, erfolgreiche junge Leute zu bilden und zu erziehen. Die Beherrschung von Fremdsprachen ist entscheidend für Menschen, die die Zukunft in der globalisierten Welt mitbestimmen wollen und sollen. Und das bleibt richtig, auch wenn für die ÖSS, die in der Türkei ausschließlich den Hochschulzugang regelt, Fremdsprachen leider überhaupt nicht abgefragt werden. – Mit diesem Thema sind wir auch gleich bei einem für die effektive Kooperation zentralen Punkt; auch den Erwachsenen – Lehrern, Eltern – würden Fremdsprachen-Kenntnisse das Leben erleichtern. Wie wäre es, wenn für Kollegen und Eltern Deutsch- und Englisch-Kurse eingerichtet würden! Für die deutschen Kollegen besteht natürlich die Verpflichtung, die schwierige Landessprache Türkisch zu erlernen, fort.

Zurück zu unserer Ausgangsfrage: Wenn es uns gelingt zu den o.g. Themenfeldern mit einer Sprache zu sprechen, gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, unser Programm und unser Leitbild zu formulieren, nach innen und außen zu vertreten, dann müssen wir uns um die Zukunft unserer Schule keine Sorgen machen. Im Gegenteil, als internationale, bilinguale Schule, als deutschsprachiges Gymnasium sind wir und bleiben wir attraktiv. Eine der ersten Schulen in Istanbul und der Türkei. Das freilich ist eine Voraussetzung dafür, die notwendige Anerkennung und Unterstützung auch weiterhin aus der Türkei und Deutschland zu erhalten, sie sogar durch Gewinnung von Sponsoren aus der Privatwirtschaft zu erweitern.

Eine internationale Schule ist auch in der Türkei eine, die in der Öffentlichkeit Gehör findet. Das muss sie sich allerdings deutlich und mehrsprachig verschaffen. Und dazu müssen alle -die Eltern und Schüler, alle Vertretungen der Ehemaligen, die türkische und die deutsche Leitung – offen und vertrauensvoll zusammenwirken. Die Auseinandersetzung und Kämpfe des vergangenen Jahrzehnts haben uns genug geschadet. Wie sehr könnten wir unsere Erfolge steigern, wenn es endlich eine gemeinsame, nachhaltig vertretene Position auch im Alltag, auch in Kleinigkeiten gäbe: Alles für die Schule, alles für ein modernes, bilinguales Gymnasium, alles für ein international ausgerichtetes Istanbul Lisesi.

 


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