|
Anadolu Liseslerinde Türkçe’ye dönülüyor!
Kehrt man wirklich an
allen Anadolu Lise zum Türkischen als Unterrichtssprache zurück?
Ende Dezember 2004 eröffneten alle
namhaften Blätter der Republik ihren Lesern, dass nun an den
Anadolu Lise zu Türkisch als Unterrichtssprache generell wieder
zurückgekehrt werden solle. Dies enthalte eine neue Verordnung
des Erziehungsministeriums (veröffentlicht im Staats Anzeiger);
nur unter bestimmten Bedingungen - z.B. wenn mindestens 12
Schüler einer Klasse dies forderten – könne der fremdsprachige
Unterricht in Mathematik und den FEN-Fächern fortgesetzt werden.
Diese Meldung führte bei einigen unserer Eltern sofort zu der
(besorgten) Anfrage, ob damit etwa der deutschsprachige
Unterricht am Istanbul Lisesi auch gefährdet sei.
Um es vorweg zu nehmen: Ich halte aus
dieser Richtung eine Gefährdung des Modells Istanbul Lisesi
nicht für möglich. Unsere Schule und ihre besondere Kooperation
verdankt sich staatlichen Abkommen zwischen der Türkischen
Republik und der Bundesrepublik Deutschland, die beide mit dem
Kulturabkommen von 1957 die alte Tradition des deutschsprachigen
Unterrichts am damaligen Istanbul Sultanisi ab 1914 wieder
aufgenommen haben. – Dennoch muss festgehalten werden: Auch
dieses wichtige Zeichen deutsch-türkischer Freundschaft bleibt
nur so lange bestehen, wie beide
Vertragsparteien das wollen. Es steht der Türkischen
Republik z.B. das Recht zu, das bilinguale Schulprogramm zu
ändern oder das Schulziel im Blick auf die deutschen Abschlüsse
Abitur und Sprachdiplom. Es steht ebenso der Bundesrepublik das
Recht zu, bestimmte Regelungen für die Vergabe der deutschen
Abschlüsse zu ändern oder auch Lehrkräfte nach Istanbul zu
entsenden, bzw. nicht zu entsenden.
Sobald sich beide Seiten über
Zukunftsorientierte Änderungen einigen, ist das ein Zeichen für
einen notwendigen Entwicklungsprozess, wie er zwischen Staaten
und auch in Schulen notwendig ist. Grundsätzliche, einseitige
Änderungen bergen freilich immer die Gefahr des Scheiterns für
das gesamte Projekt. Aber um es zu wiederholen. Von einer
solchen Gefährdung staatlicherseits kann gegenwärtig nicht die
Rede sein! Das wäre im Zeichen der der von beiden Seiten
gewünschten Annäherung von EU und Türkei auch kaum vorstellbar.
Für einen dauerhaften Erfolg unserer
besonderen Schule ist allerdings nicht nur staatliches
Wohlwollen aus Berlin und Ankara notwendig. Der Erfolg oder
Misserfolg unseres Modells entscheidet sich im Schulalltag. Und
der wird hier, in Istanbul erlebt und erarbeitet. Für unseren
Alltag, unser Schulleben wünsche ich mir tatsächlich eine
deutlichere Akzeptanz, eine Betonung unserer Eigenheiten von
allen am Schulleben Beteiligten. Und diese Besonderheiten dürfen
nicht etwa versteckt werden. Sie müssen gemeinsam außerhalb und
innerhalb der Schule vertreten werden. - Dazu werde ich im
Folgenden einige Gedanken formulieren:
Das
Istanbul Lisesi ist gleichzeitig eine der bedeutendsten
Schulen der Türkischen Republik und eine der größten und
weltweit anerkanntesten Deutschen Auslandsschulen.
Hier in Istanbul ist unsere Schule eins
von drei deutschsprachigen Gymnasie und
konkurriert mit den besten der großen privaten und staatlichen
Schulen der Metropole. Wenn wir deutlicher den Charakter
unserer Schule herausstellen würden, nämlich
deutschsprachiges, bilinguales Gymnasium zu sein, wird es uns
noch besser gelingen, interessierte Familien anzusprechen.
Durch die erfolgreiche Vergabe des türkischen Lise-Diploms wie
des deutschen Abitur-Zeugnisses wird
der internationale Charakter, der internationale Anspruch
unserer Schule unterstrichen. Diese Internationalität ist ein
ganz zentrales Argument für Kinder und Jugendliche, unsere
Schule zu besuchen – aber auch dafür, die Unterstützung beider
Staaten aufrecht zu erhalten.
Der
internationale Charakter bedeutet keineswegs eine
Vernachlässigung oder gar Missachtung des Unterrichts in der
Muttersprache und den sog. Türkischen Kulturfächern. Im
Gegenteil: in gemeinsamen Anstrengungen müssen wir darauf
achten, dass unsere Schülerinnen und Schüler
die Schule mit sicheren und guten
Kenntnissen der Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat
verlassen.Dass sie sich in ihrer Muttersprache zu
allen Fragen, die Gesellschaft und Wissenschaft jetzt und
zukünftig aufwerfen werden, äußern können. Nur so werden sie
in der Lage sein, Botschafter ihres Landes, aber auch
Botschafter der türkisch-deutschen Freundschaft zu sein.
Die meisten Schülerinnen und
Schüler besuchen unsere Schule, weil sie,
ein hervorragendes
mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium
absolvieren wollen. Hier liegt ein weiterer Schwerpunkt
unserer schulischen Arbeit. Leistungsfähige und –willige
Jugendliche brauchen zum Erfolg freilich nicht nur ebensolche
Lehrer; beide benötigen eine sehr gute materielle Ausstattung,
moderne Arbeitsräume und Labors, Computer und
Internet-Anschlüsse in jedem Klassenzimmer. Auf diesen Feldern
sind wir leider sehr weit vom internationalen Standard
entfernt. In energischen, gemeinsamen Anstrengungen müssen wir
Unterstützung, Sponsoren bei ehemaligen Schülern wie in der
Wirtschaft finden. (Schließlich profitieren die ansässigen,
international agierenden Wirtschaftsunternehmen am meisten von
einer erfolgreichen Ausbildung ihrer künftigen Mitarbeiter in
unserer Schule.) Bei unseren Planungen dürfen wir uns nicht am
nationalen Mittelmaß orientieren – natürlich sind wir besser
ausgestattet als die meisten Schulen in der Türkei. Wir müssen
auch hier unseren internationalen Ansprüchen genügen. Zu
diesem Aufgabenfeld muss m.E. freilich auch einmal eine offene
schulinterne Auseinandersetzung zum Thema ÖSS stattfinden,
eine Bestandsaufnahme, ein Blick auf Geschichte, Gegenwart und
evtl. Zukunft dieser Prüfung, die für viele unserer Schüler
eine große Bedeutung hat. Um nur eine Frage aufzuwerfen: Wie
sollen wir damit umgehen, dass in der ÖSS Stoff abgefragt
wird, der nicht den in den Lehrplänen vorgeschriebenen
Inhalten für die letzten Jahrgangsstufen entspricht? – Ziel
muss bei allem Planen und Diskutieren allerdings sein und
bleiben: Die sehr hohe Qualität des Unterrichts in Mathematik
und den Naturwissenschaften aufrechterhalten, verbessern.
Der internationale Charakter
unserer Schule wird am ehesten sinnfällig im starken Anteil
der Fremdsprachen in der schulischen Arbeit: Deutsch ist in
unserer bilingualen Schule Unterrichtssprache in mehr als 60%
aller Stunden. Gleichzeitig wird großer Wert auf die
Vermittlung der Weltsprache Englisch gelegt. Unsere Schüler
verlassen das Istanbul Lisesi mit guten und sehr Kenntnissen
in zwei großen europäischen, bzw. weltweit anerkannten
Fremdsprachen. Schon auf der Schulbank lernen sie
international und mehrsprachig zu kommunizieren, sich zu
verständigen. Schüleraustausch, Veranstaltungen in deutscher
oder englischer Sprache, Theater. Internationale
Sportbegegnungen – z.T. von den Schülern selbst organisiert! –
tragen dazu bei, erfolgreiche junge Leute zu bilden und zu
erziehen. Die Beherrschung von
Fremdsprachen ist entscheidend für Menschen, die die Zukunft
in der globalisierten Welt mitbestimmen wollen und sollen.
Und das bleibt richtig, auch wenn für die ÖSS, die in der
Türkei ausschließlich den Hochschulzugang regelt,
Fremdsprachen leider überhaupt nicht abgefragt werden. – Mit
diesem Thema sind wir auch gleich bei einem für die effektive
Kooperation zentralen Punkt; auch den Erwachsenen – Lehrern,
Eltern – würden Fremdsprachen-Kenntnisse das Leben
erleichtern. Wie wäre es, wenn für Kollegen und Eltern
Deutsch- und Englisch-Kurse eingerichtet würden! Für die
deutschen Kollegen besteht natürlich die Verpflichtung, die
schwierige Landessprache Türkisch zu erlernen, fort.
Zurück zu unserer Ausgangsfrage: Wenn es
uns gelingt zu den o.g. Themenfeldern mit einer Sprache zu
sprechen, gemeinsam Anstrengungen zu unternehmen, unser Programm
und unser Leitbild zu formulieren, nach innen und außen zu
vertreten, dann müssen wir uns um die Zukunft unserer Schule
keine Sorgen machen. Im Gegenteil, als internationale,
bilinguale Schule, als deutschsprachiges Gymnasium sind wir und
bleiben wir attraktiv. Eine der ersten Schulen in Istanbul und
der Türkei. Das freilich ist eine Voraussetzung dafür, die
notwendige Anerkennung und Unterstützung auch weiterhin aus der
Türkei und Deutschland zu erhalten, sie sogar durch Gewinnung
von Sponsoren aus der Privatwirtschaft zu erweitern.
Eine internationale Schule ist auch in der
Türkei eine, die in der Öffentlichkeit Gehör findet. Das muss
sie sich allerdings deutlich und mehrsprachig verschaffen. Und
dazu müssen alle -die Eltern und Schüler, alle Vertretungen der
Ehemaligen, die türkische und die deutsche Leitung – offen und
vertrauensvoll zusammenwirken. Die Auseinandersetzung und Kämpfe
des vergangenen Jahrzehnts haben uns genug geschadet. Wie sehr
könnten wir unsere Erfolge steigern, wenn es endlich eine
gemeinsame, nachhaltig vertretene Position auch im Alltag, auch
in Kleinigkeiten gäbe: Alles für die
Schule, alles für ein modernes, bilinguales Gymnasium, alles für
ein international ausgerichtetes Istanbul Lisesi. |