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The way to the high school exam
Contributed by Edgar Römelt   
Montag, 13 November 2006

Eine besondere Schule

Das Istanbul Lisesi ist eine besondere Schule. Das ist nicht einfach eine Behauptung sondern lässt sich begründen. Zunächst einmal sind die Schüler (Mädchen und Jungen) des Istanbul Lisesi besondere Schüler. Sie wurden nach den Ergebnissen der landesweiten Aufnahmeprüfung in diese Schule aufgenommen und nur die besten hatten eine Chance. So stand z.B. der 180. Schüler, der letzte neu in die Vorbereitungsklasse aufgenommene, im Türkei weiten Ranking an 1250. Stelle von weit mehr als 800.000 Teilnehmern an der Zugangsprüfung. Ohne Übertreibung kann man sagen: Die Schüler des Istanbul Lisesi gehören zu der intellektuellen Elite des Landes.

Das Istanbul Lisesi ist eine besondere Schule. Auf dem Hintergrund der Vermittlung klassischer Bildungsinhalte türkischer Sprache, Literatur, Geschichte und Grundwerte bietet diese Schule qualifizierten Unterricht in den modernen Fremdsprachen Deutsch und Englisch, sowie Deutsch als Unterrichtssprache und deutsche Lehr- und Lernmethoden in den Naturwissenschaften an. Das ist – wie sich bereits in den vergangenen Jahren herausgestellt hat – eine besonders glückliche Mischung.

Und noch eine Besonderheit: Das Istanbul Lisesi ist eine Schule mit zwei Abschlüssen. Wie in allen Gymnasien des Landes wird auch hier das Lise-Diplom erworben und – einmalig für eine türkische, staatliche Schule – kann zusätzlich die Abiturprüfung abgelegt werden. Damit werden den Schülern des Istanbul Lisesi weltweit Türen zu weiterer Ausbildung und einer beruflichen Karriere in und außer Landes geöffnet.

Eine besondere Schule stellt selbstverständlich besondere Anforderungen. Vereinzelt klagen Schüler, dass sie es an einem anderen Gymnasium des Landes wohl leichter hätten als hier. Das ist wahr! Die meisten Schüler wissen aber auch, wie kurzsichtig diese Überlegung ist. Ehemalige Schüler und heutige Studenten berichten, wie leicht ihnen im Gegensatz zu ihren Kommilitonen der Einstieg in die ersten Semester an der Universität gefallen sei. Themen und Methoden des Unterrichts in den Naturwissenschaften im Istanbul Lisesi bereiten in einer Weise auf das Studium vor, die den Namen Wissenschaftspropädeutik verdient.

Bei der Einführung des Abiturs gerade an dieser Schule hatte ein Argument besonderes Gewicht. Die Schüler des Istanbul Lisesi sind mehr als alle anderen in der Lage, den besonders hohen Anforderungen zu genügen. Der Anspruch dieser Schule ist also gleichzeitig eine Herausforderung an ihre Schüler, sich und ihre Kapazitäten voll einzusetzen.

ÖSS und/oder Abitur?

Eins ist allen Schülern und Lehrern des Istanbul Lisesi klar: Die ÖSS ist die wichtigste Station zwischen türkischem Gymnasium und türkischer Universität. Sieht man einmal von den Schülern ab, die ein Stipendium gewinnen oder deren Eltern in der Lage sind, ein Studium im Ausland zu finanzieren, muss eine erfolgreiche ÖSS und der „Gewinn“ des erhofften Studienplatzes an einer guten türkischen Universität im Mittelpunkt des Interesses von Schülern und Eltern stehen. Viele Schüler äußern nun die Befürchtung, dass ihre Vorbereitung auf das Abitur eine Behinderung bei der Vorbereitung auf die ÖSS bedeute. Diese Befürchtung erscheint unbegründet, wenn man auf die Erfolgsbilanzen vergangener Jahre bei der türkischen Hochschulzulassung und den späteren beruflichen Werdegang blickt. Abgesehen von jährlichen Schwankungen sind nämlich auch nach Einführung des Abiturs die Erfolge der IL-Schüler unverändert hoch geblieben.

Dafür wird es mehrere Gründe geben, unter anderem auch den, dass die gleichzeitige Vorbereitung auf zwei ganz verschieden Prüfungen Synergieeffekte erzielen, die sich positiv in den Erfolgen bei beiden Prüfungen niederschlagen. Die Betonung von Faktenwissen, Einzelstrategien der Problemlösung und schneller Wiedergabe im Rahmen der ÖSS-Vorbereitung ergänzt sich mit der Anleitung zu dialektischen Betrachtungsweisen und zum Denken in komplexen Zusammenhängen während der Abiturvorbereitung. Insbesondere die hohe Kompetenz im Umgang mit methodischen Einzelbausteinen begünstigt problemlösendes Verhalten in komplexeren Zusammenhängen. Im Gegenzuge dienen größere gedankliche Konstruktionen in besonderer Weise der Verankerung einzelner Bausteine und fördern so die Merkfähigkeit.

Die Befürchtung, dass denjenigen Schülern, die das Abitur anstreben, dadurch ein Teil ihrer Kapazitäten zur ÖSS-Vorbereitung verloren ginge, trifft innerhalb unserer Schule aus einem zweiten Grunde nicht zu. Der Lehrplan liegt fest, wenn auch auf einem höheren Niveau als anderswo und ist durch die zuständigen türkischen Behörden genehmigt. Die sich aus dem Lehrplan ergebenden Leistungs- und Lernzielkontrollen (Klassenarbeiten, mündliche Abfragen) sind für alle FEN-Schüler gleich. Für die Abiturienten ist lediglich eine der Klassenarbeiten pro Fach (die schriftliche Abiturarbeit) länger und in zwei Fächern sind mündliche Prüfungen abzulegen. Darüber hinaus hatte eine Reform der ÖSS-Anforderungen zur Folge, dass viele bei uns schon immer unterrichtete Inhalte des Mathematik – und naturwissenschaftlichen Unterrichtes jetzt Elemente der ÖSS-Prüfung sind.

Die Bedingungen für das Abitur

Die Abiturprüfung umfasst die Fächer Deutsch, Englisch, Mathematik, Physik, Biologie und Chemie. Die schriftlichen Prüfungsarbeiten werden in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und einer Naturwissenschaft geschrieben. Dieses schriftliche naturwissenschaftliche Prüfungsfach wählt jeder Schüller aus den Fächern Physik, Chemie und Biologie. Außerdem legt jeder Schüler eine der verbleibenden Naturwissenschaften als mündliches Prüfungsfach fest.

Die Wahl zwischen Abitur und Sprachdiplom ist frei. Sie findet zu Beginn der letzten Klasse statt. Eine Ablehnung beider Prüfungen entspricht nicht dem besonderen Charakter der Schule und ist unvereinbar mit dem Bildungsauftrag, den die Deutsche Abteilung aus dem Kulturabkommen der beiden Staaten ableitet. Im Dezember des letzten Schuljahres meldet sich jeder interessierte Schüler schriftlich zum Abitur an. Mitte Januar stellen die Lehrer des Schülers fest, ob er Leistungen gezeigt hat, die ein Bestehen des Abiturs erwarten lassen.

Notengebung

Ab der 10. Klasse (Lise 2) erhalten die Schülerinnen und Schüler neben den üblichen „türkischen“ Noten jetzt auch „deutsche“ Noten im sogenannten 15 – Punkte – Schema (15 die beste und 0 die schlechteste Note). Viele Schülerinnen und Schüler machen dabei die Erfahrung, dass die Noten plötzlich deutlich schlechter sind als sie von den türkischen Zensuren gewohnt sind. Dies bedarf einer näheren Erläuterung. Über die Hochschulzulassung ihrer Schüler entscheiden in Deutschland und ebenso am Istanbul Lisesi die Lehrer der Schüler. Bei der Bewertung von Schülerleistungen hat also der Lehrer in den letzten beiden Jahrgängen immer auch die Beurteilung der Studierfähigkeit zu berücksichtigen und – wenn diese Studierfähigkeit eben noch gegeben erscheint – 5 Notenpunkte (aus 15) zu bescheinigen. Dies entspricht dann einer Leistung von 45 %. Fünf deutsche Notenpunkte (aus 0 bis 15) haben also eine qualitativ andere Bedeutung als die Note 2 der türkischen Skala von 0 bis 5. Dieser Tatsache wird in der Deutschen Abteilung dadurch Rechnung getragen, dass auf Leistungen in allen Fächern außer Mathematik zur Ermittlung der türkischen Prozentzahl ein Bonus vergeben wird. Zum Beispiel wird aus der deutschen Bewertung mit 45 % im Fach Deutsch 65% auf der türkischen Bewertungsskala. Auf diese Weise wird sicher gestellt, dass unsere Leistungsbewertung mit der anderer Schulen vergleichbar bleibt und unsere Schüler keine Nachteile wegen der hohen Ansprüche erleiden müssen. Die Annahme einer besonderen Herausforderung darf nicht „bestraft“ werden, sie verdient vielmehr eine „Belohnung“.

Ablauf der Abiturprüfung

Nach den Semesterferien des letzten Schuljahres werden die schriftlichen Prüfungsarbeiten geschrieben. Die Zeit für die schriftlichen Prüfungsarbeiten beträgt:

  1. im Fach Deutsch 5 Zeitstunden
  2. im Fach Englisch 4 Zeitstunden
  3. im Fach Mathematik 4 Zeitstunden
  4. im Fach Physik, Chemie oder Biologie 3 Zeitstunden

Die Aufgaben der Prüfungsarbeiten stellen in jedem Fach die Lehrer, welche die Schüler unterrichten. Die Aufgaben müssen in Deutschland genehmigt werden. Jede Arbeit wird dreimal bewertet: vom Lehrer, der den Schüler unterrichtet, von einem zweiten Lehrer unserer Schule und von einem Schulinspektor in Deutschland. Eine Teilaufgabe der schriftlichen Prüfungsarbeiten muss von allen FEN-Schülern bearbeitet werden, unabhängig davon, ob sie Abitur machen oder nicht. Außerdem findet für die Nicht-Abiturienten in dieser Zeit das mündliche Sprachdiplom statt. Die Belastung ist also auch in dieser Zeit für alle FEN-Schüler etwa gleich.

Ende April werden für jeden Schüler in den Fächern des Abiturs sogenannte Vorzensuren festgelegt. Dies geschieht in einer Konferenz aller Lehrer, die den Schüler unterrichten. Die Vorzensur wird jeweils aus den vier Halbjahresnoten der letzten beiden Schuljahre ermittelt; dabei haben die Zensuren der letzten beiden Halbjahre in Zweifelsfällen höheres Gewicht. Die mündlichen Prüfungen finden im Mai statt. Zu Beginn legt der Prüfungsleiter (ein Vertreter der deutschen Behörde, welche die Prüfung überwacht) die Noten in den schriftlichen Prüfungsarbeiten endgültig fest. Die Zulassung zur mündlichen Prüfung ist ausgeschlossen, wenn drei oder alle vier schriftlichen Prüfungsarbeiten mit weniger als 4 Punkten bewertet worden sind.

Der Prüfungsleiter bestimmt nach Beratung mit den Lehrern, in welchen Fächern der zugelassene Schüler mündlich geprüft wird. Für jeden Schüler werden zwei mündliche Prüfungen festgelegt. Ein Fach der mündlichen Prüfung hat der Schüler selbst gewählt (das nicht-schriftliche naturwissenschaftliche Fach). Grundlage für die Auswahl eines zweiten Faches sind die Vorzensuren und die Zensuren in den schriftlichen Arbeiten. Eine mündliche Prüfung findet in der Regel in dem Fach statt, in dem die größte Abweichung zwischen Vorzensur und schriftlicher Prüfungsleistung festgestellt wird. Es können weiter mündliche Prüfungen angesetzt werden, wenn die Gefahr besteht, dass der Schüler die Prüfung nicht bestehen kann.

Nach der Konferenz versammeln sich alles Schüler und erhalten einen Prüfungsbogen, durch den die Vorzensuren, die Ergebnisse der schriftlichen Prüfungen und die mündlichen Prüfungsfächer mitgeteilt werden.

Nach den mündlichen Prüfungen findet die Schlussberatung statt. Hier wird für jeden Schüler in jedem Prüfungsfach vom Prüfungsleiter (nach Beratung mit den Lehrern) eine Endzensur festgelegt. Dafür wird zunächst eine Prüfungsnote ermittelt. In Fächern mit nur einer Prüfung (schriftlich oder mündlich) ist die erzielte Note die Prüfungsnote. Wenn in einem Fach sowohl schriftlich als auch mündlich geprüft wurde, erhält bei Abweichung die schriftliche Leistung stärkeres Gewicht. Die Endzensur setzt sich aus der Vorzensur und der Prüfungsnote zusammen. Bei Abweichung erhält die Prüfungsnote stärkeres Gewicht.

Die Prüfung ist bestanden, wenn die Summe der sechs Endzensuren mindestens 30 beträgt. Dabei müssen in den vier schriftlichen Prüfungsfächern mindestens 20 Punkte erreicht sein. Werden diese Punktsummen nicht erreicht, ist die Prüfung nicht bestanden. Außerdem gilt: In keinem Fach darf die Endnote 0 Punkte sein und in höchstens zwei Fächern, unter denen sich nur ein schriftliches Prüfungsfach befinden darf die Leistung, mit 1 bis 3 Punkten bewertet sein. Wenn die Leistungen in zwei Fächern mit 1 bis 3 Punkten bewertet sind, müssen in den anderen Prüfungsfächern jeweils mindestens 5 Punkte erreicht sein.

Was kommt nach dem Abitur?

Um den Wert des Abiturzeugnisses richtig einschätzen zu können, muss man Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Verfahren der Hochschulzulassung kennen. Das deutsche Verfahren kennt keine Ranglisten. Weder die Abiturienten noch die Universitäten haben irgend eine Rangordnung. Das Kurzwort „Abitur“ steht für den korrekten und längeren Begriff „Allgemeine Deutsche Hochschulreife“. Damit ist gesagt, dass das Abiturzeugnis zunächst einmal unabhängig von der Durchschnittsnote zu fast jedem Studium an fast jeder deutschen Universität berechtigt. Dabei können die Universitäten bei der Anmeldung zum Studium als gleichwertig angesehen werden. Im späteren Verlauf des Studiums wird der Student dann die Universität wechseln, wenn es etwa aus Gründen der Spezialisierung angeraten erscheint.

Eine Ausnahme zu der eben geschilderten Gleichrangigkeit tritt dann ein, wenn sich in einem Studienfach landesweit oder auch an einer einzelnen Universität mehr Studenten anmelden, als Studienplätze vorhanden sind. Dann werden natürlich diejenigen Studenten mit den besten Abiturzeugnissen zuerst aufgenommen. Dass dieser Fall eintritt, ist aber die Ausnahme und nicht die Regel. Für die nicht aufgenommenen Studenten genügt meistens eine Anmeldung bei einer anderen Universität. Sollte ein Studienfach landesweit zu wenige Plätze aufweisen, wird die Verteilung der Plätze von einem zentralen Büro aus vorgenommen. Dieses Büro gibt jedes Jahr eine aktuelle Liste von sechs bis zehn Studienfächern heraus und nennt für jedes Fach die für die Zulassung erforderliche Durchschnittsnote. Eine für alle Jahre gültige Liste gibt es also nicht, wohl aber ein Fach, dass bisher auf jeder dieser Listen stand: Medizin.

Das Abiturzeugnis genießt international einen sehr guten Ruf. Die Universitäten in Ländern der Europäischen Union oder Nordamerikas erkennen vielfach diese Form der Hochschulzugangsberechtigung auch für ihren Bereich ohne Zusatzprüfungen an. (Nicht selten gewähren z.B. renommierte amerikanische Hochschulen Studienanfängern mit Abitur anrechenbare Credits) Auch ohne Studium macht das hohe Maß der weltweiten Anerkennung das Abiturzeugnis zu einem aussagekräftigen Bestandteil eigener Bewerbungsunterlagen. Firmen mit internationalem Wirkungsbereich werden nicht selten, bei sonst gleicher Qualifikation, dem Abiturienten den Vorzug geben.

Übrigens: Das Abiturzeugnis gilt ein Leben lang!

 


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